Krieg der Edelsteine: Als sich Uhrenmarken mit Rubinen überboten
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Die Jewel Wars
Wie aus einem ehrlichen Qualitätsmerkmal ein Marketing-Wettrüsten wurde – und warum ausgerechnet die japanischen Marken die spektakulärsten Geschütze auffuhren
Wer japanische Vintage-Uhren sammelt, kennt den Moment: Man dreht ein Zifferblatt aus den 1960ern ins Licht und liest dort, gleich über oder unter der Sechs, eine stolze Zahl – „30 Jewels", „39 Jewels", bei manchen Stücken sogar „100 Jewels". Mehr als das Doppelte oder Dreifache dessen, was eine Uhr eigentlich braucht. Was steckt dahinter? Die Antwort ist eine der kuriosesten Episoden der Uhrengeschichte: die Jewel Wars, jenes Wettrüsten der 1950er- und 1960er-Jahre, in dem die Hersteller einander mit immer absurderen Steinzahlen zu übertrumpfen versuchten. Und mitten im Zentrum dieses Gefechts standen – mit ganz besonderem Ehrgeiz – Seiko, Citizen und Orient.
Worum es in diesem Beitrag geht: ab wann Lagersteine technisch wirklich sinnvoll sind, wie die japanischen Marken die Steinzahl zur Waffe machten und woran Sie einen Bluff auf einen Blick erkennen.
Wozu Lagersteine wirklich gut sind
Um zu verstehen, ab wann eine hohe Steinzahl reine Show wird, muss man zunächst wissen, was ein Stein im Uhrwerk tatsächlich leistet. Die „Jewels“ einer mechanischen Uhr sind heute fast immer synthetische Rubine. Sie sitzen dort, wo winzige Stahlzapfen möglichst reibungsarm, verschleißfest und präzise laufen müssen – vor allem an den Lagerstellen des Räderwerks, der Hemmung und der Unruh. Ein Werk, dessen relevante Lagerstellen alle so mit Rubinen bestückt sind, nennt man „voll versteinert“.
Statt direkt in einer Messingbohrung zu laufen – die mit der Zeit ausschlägt –, dreht sich der Zapfen in einem fein polierten Rubinloch auf einer extrem harten Oberfläche. Das senkt Verschleiß, hält die Lagergeometrie stabil und bewahrt die Ganggenauigkeit.
Besonders heikle Stellen sind doppelt gesichert: An der Unruhwelle ergänzt ein flacher Deckstein den Lochstein zu einem „gedeckten“ Lager – der Lochstein führt den Zapfen seitlich, der Deckstein hält ihn axial und das Öl an Ort und Stelle. Auch die beiden Palettensteine und der Hebelstein in der Hemmung leisten echte Arbeit.
Bis um 1900 schnitt man diese Steine aus echten Rubinen und Saphiren – teuer, weshalb man sie nur an den wichtigsten Stellen einsetzte. Mit dem Verneuil-Verfahren wurden synthetische Rubine ab etwa 1902 billig; technisch hätte man nun fast jedes Lager versteinern können. Doch der sinnvolle Bedarf blieb begrenzt: Sieben Steine sind das absolute Minimum, bei klassischen Handaufzugswerken galten 15 bis 17 Steine lange als technisch vollständig „versteinert“ (das komplette Räderwerk, die Hemmung, die gedeckelte Unruh). Ein Automatikwerk rechtfertigt mit seinem Rotor- und Aufzugsmechanismus etwa 25 Steine, echte Komplikationen entsprechend mehr. Jenseits davon aber bringt jeder weitere Stein dem Träger – nichts. Genau hier beginnt die Geschichte.
Wie aus einer Zahl ein Verkaufsargument wurde
Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Uhrwerke technisch so weit vereinheitlicht, dass sich die Fabrikate kaum noch unterschieden – außer in der Verarbeitungsqualität. Den Kunden fehlte ein griffiges Kriterium. Und so griff die Branche nach der einen Zahl, die ohnehin auf dem Zifferblatt stand: der Steinzahl. „Mehr Steine = bessere Uhr" – diese Gleichung setzte sich in den Köpfen fest, und ab da war die Bühne bereitet. Denn was als ehrliches Qualitätssignal begann, wurde zum Einfallstor fürs Marketing: Wenn der Markt mehr Steine mit mehr Wert verwechselt, dann gibt man dem Markt eben mehr Steine.
In den 1950er- und 1960er-Jahren eskalierte dieses „jewel craze" (der Steine-Wahn) ins

Groteske. Plötzlich kursierten Uhren mit 41, 53, 75 und schließlich über 100 Steinen. Der berüchtigtste Fall stammt aus den USA: Die Waltham mit „100 Jewels" besaß ein ganz gewöhnliches 17-Stein-Werk, dem man 83 zusätzliche Rubine rund um die Schwungmasse des Rotors gesetzt hatte – funktional vollkommen sinnlos, reine Zifferblatt-Dekoration. Auch Benrus brachte einen 100-Steiner. Die Steine wurden teils einfach irgendwo auf die Platine geklebt, um die Quote zu erfüllen; es gab sogar Stücke, denen die vollen 17 Grundlagersteine fehlten, die aber dennoch eine hohe Zahl auf dem Blatt trugen.
Wie Japan die Jewel Wars auf die Spitze trieb
Während die Schweizer Branche das Spiel eher widerwillig und die Amerikaner es am dreistesten betrieben, traf das Wettrüsten in Japan auf den denkbar fruchtbarsten Boden. Die Nachkriegsindustrie holte mit atemberaubendem Tempo auf, drei große Häuser – Seiko, Citizen und Orient – lieferten sich einen erbitterten Heimatmarkt-Kampf, und die Olympischen Spiele 1964 in Tokio gaben dem nationalen Ehrgeiz zusätzliche Schubkraft. Die Steinzahl wurde zum Schlachtfeld, auf dem sich Rang und Prestige eines Modells ablesen ließen.
Seiko: die Seikomatic und die Kunst der Füllsteine
Seikos Aufstieg zur automatischen Oberklasse begann 1959 mit dem Gyro Marvel, dem ersten vollständig hauseigenen Automatikwerk. Daraus erwuchs die Seikomatic-Familie, und an ihr lässt sich die Steinhierarchie

der frühen 1960er mustergültig ablesen: Das kalenderlose Basiswerk 603 gab es mit 17, 20 und – als vergoldete Luxusvariante – 30 Steinen; darüber rangierten der 24-steinige Self-Dater (394/6205), der 33-steinige Weekdater (400/6206) und an der Spitze der 39-steinige Kaliber 395. Eine „39 Jewels"-Seikomatic war das Aushängeschild – ein Stück, das, wie ein Sammler einmal trocken bemerkte, „die Schweizer zur Verzweiflung trieb", und das nur wenige Jahre vor dem Quarz-Astron erschien, der die ganze Branche umstürzen sollte.
Doch wo sitzen diese 39 Steine? Hier wird es lehrreich. Zählt man am 395er-Werk genau nach, findet man unter dem Kalenderkranz neun blinde Füllsteine (dummy jewels), die nichts lagern, sowie sechs kugelige Rubine im Aufzugsmechanismus. Zieht man diese fünfzehn ab, bleiben 24 funktionale Steine – exakt so viele wie im schlichteren 24-Stein-Modell. Die berühmte 39 war also zu gut einem Drittel Kosmetik. Das ist, nüchtern betrachtet, Theater. Fairerweise: Nicht jede hohe Seiko-Zahl war Etikettenschwindel. Die 35-steinige 6218 etwa bot tatsächlich eine bessere Ausstattung und nicht bloß aufgefüllte Kalendersteine. Und die dreizeigrigen Grand Seiko jener Ära trugen mit ihren 35 Steinen eine Zahl, die zum Anspruch passte.
Citizen: „so teuer wie eine Rolex"

Citizen zog mit. Die 1962 eingeführte Jet-Serie und vor allem die „Super"-Modelle bildeten die Speerspitze, denn bei Citizen signalisierte das Präfix „Super" beides zugleich: höhere Versteinerung und feinere Regulierung. 1963 erschien der Super Jet als Automatik ohne Datum mit 35 Steinen (Kaliber 0340/0341), im selben Jahr der Super Jet Auto Dater mit 39 Steinen (Kaliber 1150) – die höchstklassierten Uhren, die Citizen damals baute. Zeitgenossen berichten, sie hätten so viel gekostet wie eine Rolex. Daneben standen die hochregulierten Deluxe- und Super-Deluxe-Modelle (23–25 Steine), die Seven-Star-Reihe (21/23/25 Steine) und die Crystal Seven mit 33 Steinen. Der Markt las diese Zahlen wie Ranglisten – und genau so waren sie gemeint.
Orient: der japanische Champion mit 100 Steinen

Den Vogel aber schoss Orient ab – und zwar im Wortsinn weltweit. Wenn die Jewel Wars zwei Champions kannten, so waren es die amerikanische Waltham mit ihren 100 Steinen und ein japanisches Gegenstück: die Orient Grand Prix. 1963 brachte Orient die Grand Prix Almighty 64 mit 64 Steinen heraus, deren Name auf die bevorstehenden Olympischen Spiele 1964 anspielte. Ein Jahr später folgte das Monument: die Grand Prix 100 mit sage und schreibe 100 Steinen.

Bemerkenswert ist, dass diese Uhr kein reiner Bluff war. Im Inneren steckte überraschend ernsthafte – und durchweg schweizerisch inspirierte – Technik: ein Pellaton-Aufzug nach IWC-Vorbild, ein Triostat-Feinregulierorgan, das Chronometer-Genauigkeit ermöglichte, und ein Incabloc-Stoßsicherungssystem; das Gehäuse bestand aus 14-karätigem Weißgold-Double. Die 100 Steine selbst – 89 Rubine und elf Saphire – saßen größtenteils im Rotor und am äußeren Rand des Werks – offiziell, um das „Rotor-Schleifen" an den Platinen zu verhindern, in Wahrheit, um die magische Zahl zu erreichen. Nachdem Orient diesen Gipfel des Steine-Wettlaufs erklommen hatte, wechselte das Haus die Disziplin und jagte fortan Rekorde in der Flachheit: 1967 erschien das nur 3,9 mm dünne Kaliber 3900 (mit 35 Steinen), das Citizens 3,98-mm-Werk knapp unterbot.
Ricoh: 45 Steine, die wirklich lagern

Und dann ist da noch der faszinierendste Außenseiter dieser Geschichte – jenes Stück übrigens, das mich überhaupt erst auf das Thema brachte. Neben den großen drei mischte ein vierter Spieler mit, den heute kaum noch jemand auf der Rechnung hat: Ricoh, weltweit als Büromaschinen- und Kamerakonzern bekannt, das über die Übernahme von Takano Seimitsu Kogyo (Takano) ins Uhrengeschäft einstieg. Nach dieser Akquisition wurde die Dynamic Auto zur automatischen Spitzenlinie des Hauses; ihr erstes Modell erschien im Oktober 1962.

Ihr prestigeträchtigstes Statement war die Dynamic Auto „45 Jewels" – und gerade sie zeigt, dass die Jewel Wars nicht nur Etikettenschwindel hervorbrachten, sondern hin und wieder auch ehrliche Ingenieurskunst. Auf das solide 33-steinige Basiskaliber 54710 setzte Ricoh ein zusätzliches Zwölf-Steine-Rubin-Kugellager an der Rotorachse und machte daraus das Kaliber 54722. Anders als die aufgeklebten Zierperlen mancher Konkurrenten ist dieses Kugellager ein echtes, funktionierendes Bauteil: Es sorgt für einen besonders ruhigen, sauber laufenden Automatikaufzug. Die „45 Jewels" auf dem Zifferblatt sind also kein Bluff, sondern real verbaut und technisch nachvollziehbar – und 1962/63 konnte kein anderer japanischer Hersteller diese Zahl bieten. Wo Orient mit überwiegend dekorativen Steinen die magische Hundert anpeilte, gewann Ricoh seinen Rang mit Steinen, die tatsächlich etwas lagern. Diese kleine, feine Pointe macht die Dynamic Auto für Sammler heute so reizvoll – und sie ist das beste Gegengift gegen den Verdacht, in jenem Jahrzehnt sei jede hohe Zahl gelogen gewesen.
So erkennen Sie Bluff-Steine auf einen Blick
Damit ist das Muster des ganzen Krieges benannt. Die ehrlichen Steine lagern etwas; die unehrlichen füllen eine Zahl. Drei Tricks kehren immer wieder: blinde Füllsteine unter Kalender- und Datumsmechanik, die nichts tragen; überzählige Decksteine an Stellen, die keiner Deckelung bedürfen; und – die Königsdisziplin – ganze Batterien von Rubinen rund um die Schwungmasse eines Automatikrotors, die man als „reibungsmindernd" verkaufte, obwohl sie weder den Aufzug verbessern noch die Lebensdauer verlängern. Als Faustregel gilt bis heute: Bei einer Handaufzugsuhr enden die sinnvollen Steine bei etwa 23, bei einer einfachen Automatik bei rund 25. Alles darüber rechtfertigt sich nur durch echte Komplikationen – oder ist Marketing.
Die genannten Modelle im Überblick
|
Marke |
Modell |
Steine |
Art der Steine |
|
Seiko |
Seikomatic 395 / 6216 |
39 |
ca. 24 funktional, Rest Füllsteine |
|
Citizen |
Super Jet Auto Dater |
39 |
Spitzenmodell, höher reguliert; gemischt |
|
Orient |
Grand Prix 100 |
100 |
89 Rubine + 11 Saphire, überwiegend dekorativ |
|
Ricoh |
Dynamic Auto „45 Jewels“ |
45 |
fast alle funktional (33 + 12er-Kugellager) |
|
Waltham |
De Luxe Rollmatic |
100 |
17 funktional + 83 dekorativ |
Der US-Markt und die magische Grenze von 17 Steinen
Ein weiterer, oft übersehener Faktor war der US-Markt. Dort war die Zahl 17 nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich bedeutsam. Für klassische Handaufzugswerke galt ein Werk mit 15 bis 17 Steinen bereits als „voll versteinert": Räderwerk, Hemmung und Unruh waren an den entscheidenden Reibungspunkten mit Lagersteinen ausgestattet. Mehr Steine konnten zwar in bestimmten Konstruktionen sinnvoll sein, waren aber bei einfachen Dreizeigerwerken häufig kein zwingender technischer Fortschritt mehr.
Gerade für Exportuhren in die USA kam hinzu, dass der amerikanische Zolltarif zwischen Werken mit bis zu 17 Steinen und solchen mit mehr als 17 Steinen unterschied. Für Werke mit mehr als 17 Steinen galt ein erhöhter spezifischer Zoll (in der älteren Tarifsystematik rund 10,75 US-Dollar pro Werk). Die konkreten Sätze wurden im Lauf der Zeit mehrfach angepasst – 1954 angehoben, 1967 gesenkt, bis 1972 im Zuge des GATT etwa halbiert –, das 17-Steine-Kriterium selbst aber blieb bestehen.
Das erklärt, warum manche Hersteller für den amerikanischen Markt besondere 17-Stein-Versionen anboten, obwohl technisch verwandte oder nahezu identische Werke für andere Märkte mit mehr Steinen ausgeliefert wurden. Dieselbe Logik zeigt sich an einem gut belegten Parallelfall: Weil der Smoot-Hawley-Tarif die Sätze auf justierte Werke besonders stark anhob, stempelten viele Hersteller ihre Werke kurzerhand massenhaft als „Unadjusted". Die Grenze bei 17 Steinen war also keine bloße Uhrmacher-Konvention, sondern zugleich eine zollökonomische Schwelle: Wer darüber ging, riskierte höhere Importkosten und damit einen Wettbewerbsnachteil im wichtigen US-Markt.
Die oft erzählte „Luxussteuer"-Version ist deshalb etwas ungenau. Es ging nicht um eine allgemeine Luxussteuer auf teure Uhren, sondern um eine spezifische Importzollbelastung für Uhrwerke, die zolltariflich nach Merkmalen wie Steinzahl, Werktyp und später auch Komponenten bewertet wurden. Auch heutige US-Zollentscheidungen zeigen noch dieselbe Systematik, dass bei Uhren nicht die Uhr als Ganzes einheitlich besteuert wird, sondern Komponenten wie Werk, Gehäuse und Armband getrennt tariflich relevant sein können.
Wichtig ist dabei eine Feinheit, die den scheinbaren Widerspruch erst auflöst: Für die US-Zoll- und Stempelvorschriften zählten ausdrücklich nur Steine, die „einem mechanischen Zweck als Reibungslager dienen". Rein dekorative Schmucksteine – also das Gros der spektakulären 39-, 64- oder 100-Steine-Zahlen – wurden gar nicht mitgezählt. Eine „100 Jewels"-Uhr hatte zollrechtlich oft nur ihre rund 17 funktionalen Lagersteine und blieb damit unter der teuren Schwelle. Genau deshalb konnten solche Showmodelle trotz Zoll auch in den USA angeboten werden.
Für die Jewel Wars ist das besonders interessant, weil hier zwei gegensätzliche Kräfte aufeinandertrafen: Einerseits machte der Markt aus der Steinzahl ein sichtbares Qualitätsversprechen – mehr Steine wirkten wertiger. Andererseits setzte der US-Zoll bei mehr als 17 funktionalen Steinen einen wirtschaftlichen Bremsklotz. Daraus entstand ein merkwürdiger Doppelstandard: Bei den echten Lagersteinen blieb 17 für den zollsensiblen Exportmarkt oft die vernünftige Grenze; auf dem Zifferblatt dagegen, wo dekorative Steine mitzählten, durfte die Zahl für Prestige-, Heimatmarkt- und Showmodelle immer weiter nach oben schnellen – bis zu 39, 64 oder sogar 100 Steinen.
Das Ende des Krieges

Drei Kräfte beendeten den Spuk. Erstens fiel die Behauptung in sich zusammen, je mehr Steine, desto besser, sobald Sammler und Fachleute begannen, die Werke aufzuschrauben und die blinden Steine zu zählen. Zweitens griffen die Regulierer ein: 1965 legte der Schweizer Normenverband NIHS fest, dass in der Werbung nur noch funktionale Steine genannt werden durften; in den USA drängte die Federal Trade Commission mit ihren Wahrheitsgeboten in dieselbe Richtung; und 1974 schuf die internationale Norm ISO 1112 („Functional and non-functional jewels") endgültig Klarheit – sie definierte ausdrücklich, dass etwa die Steine an einer Aufzugsschwungmasse eben nicht als funktional gezählt werden dürfen. Damit war den Hundert-Steine-Uhren die Werbegrundlage entzogen.
Drittens aber machte eine ganz andere Erfindung die Frage über Nacht bedeutungslos: 1969 stellte Seiko mit der Astron die erste Quarz-Armbanduhr der Welt vor. Plötzlich ging es nicht mehr um Steine, sondern um Schwingquarze und Sekundengenauigkeit pro Monat – und die ganze Arithmetik der Jewel Wars wurde zur Fußnote.
Was bleibt – ein Wort an Sammler
Für uns heute sind die hochversteinerten Japaner der 1960er kleine Zeitkapseln eines selbstbewussten, ein wenig größenwahnsinnigen Jahrzehnts. Man sollte die Zahl auf dem Blatt mit einem Lächeln und einem wachen Auge lesen: Eine 35-Stein-6218 oder eine dreizeigrige Grand Seiko trägt ihre Steine zu Recht; eine 39-Stein-Seikomatic ist ein wunderbares Stück, das man aber kennen sollte, wie es ist – zu einem guten Drittel Theater. Und eine Orient Grand Prix 100 ist weniger ein besseres Uhrwerk als ein herrliches Monument der Epoche, ein Sammlerstück und Gesprächsanlass ersten Ranges.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der Jewel Wars: Sie erzählen weniger von Lagersteinen als von uns Käufern – von der ewigen Verlockung, Qualität an einer einzigen großen Zahl festmachen zu wollen. Die japanischen Marken haben dieses Spiel mit besonderem Schwung gespielt, und gerade darum sind ihre Steine-Rekorde heute so reizvoll. Man muss nur wissen, wo die echten Rubine aufhören und das Funkeln beginnt.
Drei Tipps für den schnellen Plausibilitäts-Check
1. Zahl gegen Bauart prüfen: Handaufzug über 23 oder einfache Automatik über 25 Steine? Dann nach dem Grund fragen.
2. Ins Werk schauen: Sitzen Rubine ringförmig auf der Schwungmasse oder unter dem Kalender, ist es Dekoration. Echte Lager stehen an Räderwerk, Hemmung und Unruh.
3. Hidden Gems kennen: Die ehrlichen Hochsteiner sind die spannendsten Sammlerstücke – allen voran die Ricoh Dynamic Auto 45 Jewels und die 35-Stein-Seikomatic 6218.
Autor: FB
