Seiko, Zenith und das Schweizer Konsortium: Wer entwickelte den ersten automatischen Chronographen?

Seiko, Zenith und das Schweizer Konsortium: Wer entwickelte den ersten automatischen Chronographen?

Diesmal vielleicht doch nicht die Schweizer …

Wer kennt sie nicht, die legendäre Ricola-Werbung: „Wer hat's erfunden?“ Die Antwort war natürlich immer dieselbe: die Schweizer.

Auch bei der Frage nach dem ersten automatischen Chronographen scheint die Antwort für viele selbstverständlich zu sein. Fragt man in Sammlerkreisen oder schaut sich ältere Literatur an, hört man fast reflexartig: „Zenith – El Primero.“ So jedenfalls vertritt es auch der liebe Bernhard im Lenke und Strohm Video Die neue MoonSwatch - ersetzt sie bald das Original?

Und genau hier wird es spannend.

Denn die Antwort hängt entscheidend davon ab, welche Frage man eigentlich stellt.

Nur wenn man fragen würde: Welcher automatische Chronograph wurde zuerst öffentlich vorgestellt? (aber wen interessiert das eigentlich?) Dann lautet die Antwort tatsächlich Zenith El Primero, präsentiert am 10. Januar 1969 – ein technisches Meisterwerk, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Das mit 36.000 Halbschwingungen pro Stunde (5 Hz) ungewöhnlich hochfrequent schlagende El Primero war seiner Zeit voraus und gehört bis heute zu den bedeutendsten Chronographenkalibern der Uhrengeschichte.

Fragt man jedoch: Wer entwickelte als Erster einen funktionsfähigen und produktionsreifen automatischen Chronographen?, dann sprechen die heute verfügbaren historischen Quellen eindeutig für Seiko.

Der japanische Historiker Sadao Ryugo erhielt Zugang zu internen Entwicklungsunterlagen von Seiko. Seine Forschung zeigt, dass der erste funktionsfähige Prototyp des Kalibers 6139 bereits im August 1968 fertiggestellt war. Im September 1968 folgten serienreife Muster, und bereits im Oktober 1968 begann die Serienproduktion von Werken und Gehäusen. Als Zenith das El Primero im Januar 1969 der Weltöffentlichkeit präsentierte, war Seiko also längst in der Produktion. Wenige Monate später konnte man die Seiko 6139 bereits im japanischen Handel kaufen – sie war damit der erste automatische Chronograph, der tatsächlich den Weg an das Handgelenk der Kunden fand.

Zur vollständigen Einordnung gehört übrigens, dass sich 1969 nicht nur zwei, sondern gleich drei Parteien ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den ersten automatischen Chronographen lieferten. Neben Zenith und Seiko trat ein Schweizer Konsortium aus Heuer, Breitling, Hamilton-Büren und Dubois-Dépraz an, das am 3. März 1969 zeitgleich in Genf und New York sein modular aufgebautes Kaliber 11 – die „Chronomatic“ – vorstellte, das später vor allem in der Heuer Monaco Berühmtheit erlangte. Anders als dieses modulare Schweizer Werk waren sowohl das El Primero als auch die Seiko 6139 vollintegrierte Konstruktionen mit Schaltrad – technisch der deutlich anspruchsvollere Weg.

Interessant ist dabei, dass diese Erkenntnisse lange Zeit kaum bekannt waren. Seiko betrieb damals kein spektakuläres internationales Marketing rund um das 6139. Während die Schweizer Hersteller ihre Entwicklung offensiv kommunizierten, verkaufte Seiko seine Uhren schlicht auf dem heimischen Markt. Erst Jahrzehnte später ermöglichten die internen Entwicklungsunterlagen eine Rekonstruktion des tatsächlichen zeitlichen Ablaufs.

Eine hübsche Anekdote am Rande illustriert diese Zurückhaltung: Auf der Basler Messe 1969 gratulierte Seiko-Präsident Shoji Hattori persönlich Jack Heuer an dessen Stand zu dessen technischer Meisterleistung – ohne mit einer Silbe zu erwähnen, dass Seiko seinen eigenen automatischen Chronographen, den 6139, zu diesem Zeitpunkt längst in Produktion hatte und auf ebenjener Messe sogar präsentierte. Heuer zeigte sich später voller Bewunderung für Seikos „ausgesprochen clevere Produktstrategie“.

Natürlich schmälert das die Leistung von Zenith in keiner Weise. Das El Primero bleibt ein Meilenstein der Uhrengeschichte und eines der großartigsten Chronographenkaliber überhaupt. Aber wenn die Frage lautet „Wer hat den ersten automatischen Chronographen entwickelt?“, dann fällt die Antwort nach heutigem Forschungsstand japanisch und nicht schweizerisch aus.

Oder um die Ricola-Werbung ein wenig abzuwandeln:

„Wer hat's erfunden?“

Diesmal lautet die Antwort eindeutig: Seiko.

*P.S.: Für alle Uhrenenthusiasten, die japanisch sprechen und tiefer einsteigen möchten: Das Buch des Seiko-Historikers Sadao Ryugo, "The History of the 5 Sports Speed-Timer – Birth of the Seiko Automatic Chronograph" beschreibt die Geschichte im Detail und ist in Japan für ca. EUR 30,- erhältlich.

 

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